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| In der Schweiz gibt es mehr Tote durch Suizid als durch den Verkehr. Gegen die Gefahr auf der Strasse wird seit Jahren mobil gemacht. Mit Plakaten, Werbe- und PR-Aktionen unter Einschaltung aller Medien kämpfen Polizei, Versicherungen, Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) und Automobilverbände gegen den Verkehrstod. Menschen aber, die keinen Ausweg mehr sehen und deshalb in Lebensgefahr kommen, haben keine Lobby: Aufklärungsaktionen, die Verzweifelten einen Ausweg anbieten und so Suizidtote vermeiden helfen, sind leise und diskret. Der Chemiker und Pfarrer Ebo Aebischer kümmert sich seit Jahren um Hinterbliebene von Suizidenten und um Menschen, die versucht haben, sich das Leben zu nehmen. Musenalp befragte ihn über seine Beweggründe. | |||||||||
| Musenalp: Warum beschäftigt
sie das Thema Suizid so sehr, dass sie darauf, neben all ihren anderen Aufgaben,
so viel Energie aufwenden? Ebo Aebischer: Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zum einen habe ich im Verlaufe meines Lebens – wie wohl viele andere Menschen auch schon mit dem Gedanken gespielt, mir das Leben zu nehmen Zum anderen wurde ich in gewissen Momenten meiner Laufbahn mit den Suiziden von zwei ehemaligen Angestellten meines medizinischen Labors konfrontiert. Eine Flut von Fragen Schuldgefühlen und von Schuld den Hinterbliebenen gegenüber überkam mich und ließ mich nicht mehr los. Dann beschäftigte mich die Frage ob nicht genetische Prädispositionen bei der Suidizidalität eine Rolle spielen könnten. Und schließlich bewegten mich meine Theologiestudien dazu, mich in den Dienst von Menschen zu stellen, die vom Suizid eines geliebten Mitmenschen betroffen wurden oder aufgrund verschiedenster Umstände meinen, dass es für sie nur den Tod als Ausweg gibt.
Musenalp: Sie Verwenden nie den Ausdruck Selbstmord, wie dies sonst allgemein üblich ist. Was sind dafür die Gründe? Ebo Aebischer: Für mich ist das ein schrecklicher und diskriminierender Ausdruck. Zudem ist er falsch. Suzid ist kein Mord. Mord ist das heimtückische, hinterlistige Umbringen eines anderen aus niederen Motiven zum persönlichen Nutzen in dieser Welt. Ein Mensch der Suizid begeht, nimmt sich selbst das Leben, wie es dieser Begriff richtig sagt. Ich vermeide auch den Begriff «Freitod», weil es gar nicht so sicher ist, dass ein Mensch im Moment, da er Hand an sich legt, frei ist. Das Wort «Selbsttötung» ist eine neuer Wortschöpfung, die zwar treffend sein mag, aber sprachliche Probleme bei davon abgeleiteten Wörtern ergibt. Musenalp: Sind ihrer Ansicht nach die Vorkehrungen zur Prävention und damit zur Verhinderung von Todesfällen, genügend? Ebo Aebischer: Die Präventionsbemühungen, das heißt, die Versuche, Menschen vor den Sterben zu bewahren, waren und sind in allen Bereichen der Medizin groß. Egal ob es sich um Infektionskrankheiten, Erbkrankheiten, Krebs, Herz- Kreislauferkrankungen, Aids, Drogensucht, Eindämmung der Unfallmöglichkeiten usw. handelt, werden größte Anstrengungen unternommen, diesen lebensbedrohlichen Zuständen beizukommen. Für alle Todesfälle, denen trotzdem eine der bekämpften Todesursachen zugrunde lag, waren die bisherigen Anstrengungen nicht «genügend». Voraussetzung für eine erfolgreiche Bekämpfung einer zum Tod führenden Erkrankung, ist aber immer die genaue Kenntnis der Ursachen. Da wir für die Ursache von Suiziden noch immer weitgehend im Dunkeln tappen, richten sich alle Präventionsbemühungen jeweilen gegen die dem neuesten Stand der Forschung gemäß vermeintlichen Ursachen und waren und sind deshalb nur teilweise von Nutzen. Es stimmt mich traurig, wenn ich weiß, dass weltweit jährlich eine halbe Million Menschen durch Suizid stirbt und ich zusehen muss, wie wenig Mittel zur wirklichen Grundlagenforschung und damit zur effizienten Eindämmung dieses Phänomens aufgewendet werden. Hier muss ich ganz eindeutig sagen, dass die Bemühungen nicht nur ungenügend, sondern miserabel sind.
Musenalp: Wohin sollen sich Hilfesuchende wenden? Eine Studie hat ergeben, dass sich 30 Prozent einem Freund oder Freundin anvertrauen würden, 14 Prozent der Mutter, aber nur 5 Prozent dem Vater. Pfarrer genießen nur bei 3 Prozent Vertrauen und andere Anlaufstellen kommen auch nur auf 9 Prozent. Wo liegt dafür der Grund? Ebo Aebischer: Auch auf diese zwei Fragen sind nur Versuche einer Antwort möglich: Es gehört nun einmal zu unserem Menschsein, dass wir intime Probleme lieber einer Freundin, einem Freund oder gar einer fremden Person anvertrauen als z.B. einer Partnerin, einem Elternteil oder einem Geschwister. Die gegenseitigen Erwartungen und der ganze gemeinsame Lebenshintergrund, Konkurrenzgebaren und Eifersüchte stehen einer zutiefst intimen Öffnung oft entgegen. Nichtwertende, hinwendungsvolle Anlaufstellen gibt es erst wenige. Der Wissensstand in der Gesellschaft über den Umgang mit unseren Problemen – unsere Erkenntnisse über die grundsätzlichen Regeln der zwischenmenschlichen Kommunikation – ist heute noch weitgehend beschränkt. Beschränkt deshalb, weil es nicht von der Grundschule auf gelehrt wird, beschränkt. weil die Lehrer nicht dafür ausgebildet werden. Hier liegt meiner Ansicht nach ein Mangel vor, der dringend nach Behebung schreit. Und dieser Mangel existiert nicht nur an Grund- und Mittelschulen. Er ist ebensogross an den Hochschulen. So kommt es nicht von ungefähr, dass auch angehende Pfarrer sehr viel in allen möglichen theologischen Disziplinen lernen müssen. aber nach ihrer sehr kopflastigen Ausbildung das notwendige Rüstzeug der zwischenmenschlichen Kommunikation zu wenig beherrschen. Theologie die nicht praktisch ist, ist keinen Pfifferling wert. Dass Pfarrerinnen, Pfarrer und Priester nicht besser bei der Auflistung der Ansprechpartner wegkommen hat bestimmt damit zu tun. Es hat aber auch damit zu tun, dass die Kirche ihre einstmalige Stellung in unserer Gesellschaft eingebüßt hat – und das vielleicht wiederum wegen der Theologen. Musenalp: Die Eltern haben eine Schlüsselstellung inne bei der Konfliktbewältigung ihrer Kinder Wie wird das Thema an sie herangetragen, wie vermittelt man ihnen genügend Wissen? Ebo Aebischer: Hier liegt das Hauptproblem. Wie können Eltern ihren Kindern Konfliktbewältigung beibringen, wenn sie selber nie lernten, mit Konflikten umzugehen? Das Angebot an allen erdenklichen Freizeitbeschäftigungen, Volkshochschulkursen, Erwachsenenbildungsprogrammen usw. ist immens. Nur am Rande werden Kurse angeboten, die eigentlich zum Pflichtpensum aller angehenden Ehepaare und Eltern gehören müssten. In allen Berufssparten wird die permanente Weiterbildung groß geschrieben – aber für die Grundausbildung in zwischenmenschlicher Kommunikation und Konfliktbewältigung scheint sich niemand einsetzen zu wollen. Jeder und jedem wird zugemutet, Mutter oder Vater werden zu können und die Kinder liebes- und lebensfähig zu glücklichen und autonomen Menschen zu erziehen. – Aber wie das gemacht werden sollte, muss von jeder und jedem immer wieder neu erfunden werden. Hier besteht ein grundsätzlicher gesellschaftspolitischer Handlungsbedarf. Musenalp: Es gibt viele Stellen, die sich als Helfer
anbieten. Sind diese genügend bekannt? Ebo Aebischer: Da haben sie absolut recht. Aber wir haben in der Schweiz immerhin die Telefonseelsorge die Dargebotene Hand. Diese «Notfallnummer 143» sollte ebenso in allen Köpfen präsent sein, wie die der Auskunft. Aber für die, die in ihrer Not auch diese Nummer vergessen haben, ist vielleicht die Auskunft 111 bereit. die Nummer 143 in Erinnerung zu rufen. Damit ist wohl ein offenes Ohr aber noch keine dargebotene Hand gefunden. Es wäre mir ein Anliegen, beim Aufbau von Anlaufstellen mitzuarbeiten, wo jede und jeder, Tag und Nacht, ohne die Notwendigkeit der Mitteilung seiner Identität, hingelangen und Hoffnung schöpfen kann.
Musenalp: An den Schulen z. B. gibt es Verkehrsunterricht, Sexualkunde usw. Wird das Thema Lebenskrisen und deren Bewältigung in der Schule nicht vernachlässigt? Ebo Aebischer: Ganz und gar. Aber wer soll das vermitteln? Es besteht - siehe oben - dringender Handlungsbedarf in dieser Richtung. Musenalp: Welches sind die Hauptgründe für den Suizid bei Jugendlichen? Ebo Aebischer: Solche «Hauptgründe» kann ich nicht auflisten. Suizid ist immer multifaktoriell. Welches Gewicht welcher Faktor in der jeweils speziellen Situation hat, kann nur die Person sagen (sofern sie es überhaupt zu erfassen vermag), die unmittelbar vor dem scheinbar einzig möglichen Ausweg steht. Aber oft ist es den Betreffenden möglich, einen bestimmten «Grund» zu nennen. Ich möchte in meinem Beitrag in Ihrer Zeitschrift aber einiges aufzeigen. dass zum besseren Verständnis des Phänomens Suizid beitragen könnte. |
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| Verzweiflung
und Hilflosigkeit der Eltern Interview mit der Mutter eines Suizidopfers |
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| Musenalp: Ist es für
Sie nicht schwer, über den Suizid Ihres Sohnes zu sprechen? Jacqueline Rutgers: Sicher fällt es schwer. Aber noch schlimmer ist es, mit dieser Realität zu leben! Zu Anfang hatte ich sogar das Bedürfnis, darüber zu sprechen. Einmal um diesem Sturm von Schmerzen Ausdruck zu geben – und dann, um zu realisieren, was geschehen ist. Dann aber erkannten wir bald, dass wir mit unserem Leid nicht allein standen. Suizide bei Jugendlichen gibt es in großer Zahl; wir waren also nicht allein. Auch die Leidensgenossen hatten Gesprächspartner nötig, und wir führten Gespräche auf gleicher Wellenlänge . Wir stellten dabei fest, wie schwierig es hingegen ist, über das Thema Suizid mit Menschen zu sprechen, die nicht direkt betroffen sind. So entstand unsere Idee, Selbsthilfegruppen für Eltern und Familien von Suizidopfern zu gründen. Auch war uns klar: Um Suizide zu verhüten, Prävention zu betreiben, muss darüber in der Öffentlichkeit gesprochen werden. Das Geschehen um den Suizid wird in Schweigen gehüllt. Um es zu durchbrechen, muss über das Thema offen geredet werden. Musenalp: Wie aber kann man über Suizid sprechen, ohne Gefahr heraufzubeschwören? Was kann man sagen, was «präventiv» wirkt? Jacqueline Rutgers: Untersuchungen förderten etwas zutage. das man den «Werther Effekt» (Suizide in Serie) nennt. Es hat sich herausgestellt, dass die Darstellung von Suiziden (real oder fiktiv) wie ein Vorbild wirken kann. So strahlte ein deutscher TV-Sender den Film «Der Tod eines Schülers» in fünf Teilen aus. In den folgenden fünf Wochen nahmen sich mehrere Jugendliche nach dem Vorbild des Films das Leben. Es gilt also zu verhindern. dass der Suizid und die Suizidenten in irgend einer Weise glorifiziert werden. Information ist not wendig, die Licht in die Probleme der Jugendlichen bringt – in Situationen die sich ergeben können: in der Schule, im Familienleben, im Zusammenleben – aber auch in der schwierigen Phase des Erwachsenwerdens. Eine gute Information muss das Wissen vermitteln, die Suizidgefahr zu erkennen und die Zeichen, die auf eine solche Handlung hinweisen, richtig zu deuten. Es muss auch das Wissen vermittelt werden, wie in einer Krisensituaton schnell und effizient geholfen werden kann. Musenalp: Können sie uns schildern, was mit Ihrem Sohn passiert ist? Jacqueline Rutgers: Pascal war unser älterer Sohn, vier Jahre älter als seine Schwester: charmant, vielseitig, geistreich, wissensdurstig, begeistert von der Chemie und der Fliegerei, sportlich, aber ohne großen Wettbewerbsgeist, höflich und zurückhaltend, idealistisch. sensibel und intuitiv. Er hatte die Gabe, sehr sympathisch zu wirken und war tolerant und kameradschaftlich. Pascal sprach fließend drei Sprachen, aber es fiel ihm schwer, sich auszudrücken. Solche Charaktermerkmale finden sich oft bei Jugendlichen, die suizidgefährdet sind. Sie sind so nicht in der Lage, die Probleme von anderen gleichzeitig mit den ihren zu tragen, können sich nicht abfinden mit den Ungerechtigkeiten, die sie in der Welt sehen. Nach Außen schien bei Pascal alles normal, er vermittelte ein Bild von Harmonie und Ausgeglichenheit. Sein Tod überraschte alle... Er warf sich an einem Samstagabend unter einen Zug. Es war eine Woche nach den Ferien. Er war an diesem Tag zur Schule gegangen, spielte vor dem Mittagessen seiner Großmutter auf dem Klavier vor und spielte am Nachmittag eine Partie Tennis mit seinem Vater. Dann brachte er die Großmutter mit dem Auto zum Bahnhof. Eine Stunde später war er tot. Für jenen Samstagabend hatte er sich mit seinem besten Freund verabredet. Sie wollten ins Theater gehen und sich das Stück «Der Teufel und der liebe Gott» ansehen. Am Tag darauf wollte er an einem Fest der Kirchgemeinde mitwirken. Musenalp: Das erscheint unglaublich. Hatten Sie keinerlei Anzeichen bemerkt, die auf die kommende Katastrophe hinwiesen? Jacqueline Rutgers: Es gab einen Vorfall zwei Wochen zuvor. Wir waren auf Kreta. Ich und die Kinder hatten eine Inseltour mit dem Zelt gemacht (mein Mann hatte sich uns nicht anschließen können). Es war der letzte Tag unseres Aufenthaltes. Nach Mitternacht stürzte Pascal in mein Zimmer und schrie: «Ouah der gemeine Teufelskerl» – so als wollte er mich erschrecken. Er berichtete: «Ich bin aufgewacht und kann nicht mehr einschlafen. Ich habe zuviel Energie... und ich habe das Vertrauen in mich verloren». Er sah schlecht aus, er atmete schwer, als ob eine Last ihn drückte. Bei einem über dreistündigen Gespräch beschrieb er seine Schwierigkeiten: Er befinde sich auf Distanz zu seinen Gefühlen. könne sich nicht mehr begeistern. Er sprach von der Schwierigkeit, seine Gefühle zu äußern und sich aktiv an Diskussionen mit seinen Kameraden zu beteiligen. Wir sprachen intensiv über seine Probleme. Am an deren Morgen fragte ich ihn, ob ihm das Gespräch etwas geholfen habe. «Nicht wirklich», war seine Antwort. Nach unserer Heimkehr hat er in seiner letzten Ferienwoche noch mehrere seiner Projekte verwirklicht. Er hatte eingewilligt, eine befreundete Psychotherapeutin aufzusuchen. Er führte auch ein langes Gespräch mit seinem Vater in dem er sein Gefühl der Unsicherheit. der Traurigkeit und der Verwirrtheit zum Ausdruck brachte, das Gefühl, in seinem Leben gehe nichts mehr, wie es sollte. Musenalp: Gab es «Abschiedszeichen»? Jacqueline Rutgers: Vier Tage vor dem Suizid hatte ich plötzlich den Gedanken, Pascal könnte sich das Leben nehmen. Aber ich hatte keine Gelegenheit ihn darauf anzusprechen. An jenem Samstag machte er seiner Großmutter ohne besonderen Anlass ein Geschenk. Beim Handschlag nach dem Tennismatch sagte er zu seinem Vater: «Unser letztes Tennisspiel». Er hinterließ auch vor dem Haus ein Zeichen. Als ich nach Hause kam, musste ich eine Art Barriere aus Bauabschrankungen zur Seite räumen (unser Haus wurde umgebaut), die den Zugang zum Haus versperrte. Zuerst dachte ich, spielende Kinder hätten sie errichtet. Es war aber Pascal gewesen, der sie wie eine geheimnisvolle letzte Nachricht hinterlassen hatte, ehe er für immer ging. In der Schule äußerte er bei einer Diskussion über den Tod: «Man braucht die Toten nicht zu bedauern, denn sie sind glücklich». Und am Samstag nach der Schule drückte er mehreren seiner Kameraden die Hand, was sonst nicht üblich war.
Musenalp: Was glauben sie waren nun die Gründe für diesen Suizid? Jacqueline Rutgers: Das ist die Schlüsselfrage, die uns von Anfang an beschäftigte: Warum? Die Autopsie, die in Suizidfällen automatisch durchgeführt wird. ergab keine Anhaltspunkte – kein Alkohol, keine Drogen. Vor den Herbstferien hatte er überdies sein bestes Gymnasiumszeugnis seit je heimgebracht, also gab es kein Schulproblem. Er hatte auch keinen Abschiedsbrief hinterlassen. der uns das Unfassliche erklärt hätte. Nachforschungen ergaben – zusammen mit einem Psychiater – keinen Hinweis auf affektive Traumatismen, die ein Grund für seinen Suizid gewesen sein könnten. Anderseits erinnerten wir uns nach dem Suizid Pascals, dass es in unserem weiteren Familienkreis schon vereinzelt zu Suiziden gekommen ist. Wir konnten schließlich nur auf Grund von gewissen Anhalts punkten Gründe rekonstruieren, die den Stress gesteigert und den Suizid gefördert haben könnten:
Nachdem ich nunmehr viel über Suizid gelesen habe, sehe ich die Ursachen für diesen suizidalen Impuls, der heute auch mit «Raptus» bezeichnet wird, als eine Kombination von biochemischen und psychologischen Faktoren. Zum einen können Botenstoffe im Hirn durch eine Störung des hormonellen Gleichgewichts vermindert gewesen sein und zum anderen ist vielleicht die Steuerung der Aggressionen und des Lebenserhaltungstriebes gestört gewesen. Das erforderte von Pascal eine Überanpassung, die – zusammen mit den schon erwähnten Stressoren – zu einer lavierten Depression geführt haben könnte. Es ist bekannt, dass depressive Menschen nach aussen oft unauffällig erscheinen – was bei Pascal ganz und gar der Fall war. |
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| Gibt es eine Selbsttötungs-Prägung? | |||||||||
Nicht erblich wie blaue Augen... Schon früh kamen aber auch Stimmen auf, die fragten, ob nicht evtl. eine «erbliche Belastung» eine gewisse Rolle spielen könne. Diese Vermutungen beruhten auf Beobachtungen, dass es Familien gab, wo Suizide häufiger vorkamen, als in anderen Familien. Auch Alkoholismus wurde in Zusammenhang mit Suizidalität gebracht. Eines stand jedoch von Anfang an fest: Wenn es einen Zusammenhang mit der Erbmasse gibt, dann ist Suizidalität jedenfalls nicht in gleicher Weise erblich wie z.B. blaue Augen, dunkle Haut- oder Haarfarbe. Vergleiche hinken zwar immer. Aber wenn ein Vergleich bezüglich erblicher Veranlagung herangezogen werden kann, dann drängt sich die Zuckerkrankheit besonders auf. Es soll deshalb hier etwas ausführlicher auf die Zusammenhänge eingegangen werden: Auch die Zuckerkrankheit ist nicht unbedingt und jedenfalls nicht geradlinig erblich. Jedoch ist die Wahrscheinlichkeit, an Diabetes zu erkranken, deutlich höher, wenn Vorfahren daran litten. Ob es zur Erkrankung kommt, hängt von vielen Faktoren ab. Entscheidend beteiligt an der Ausbildung eines Diabetes ist die Bauchspeicheldrüse. In jedem Fall kommt es durch mangelnde Verfügbarkeit des in dieser Drüse produzierten Hormons Insulin zur Erkrankung an Diabetes. Ob jemand zu wenig Insulin hat, merkt er nicht. Meist fällt lediglich ein regelmäßig starker Durst auf. Solche scheinbar gesunde Kranke können aber eines Tages nach einer guten fett- und kohlehydratreichen Mahlzeit bewusstlos werden. Anlässlich von Routinelaboruntersuchungen wird zur Vorbeugung solch schwerer und lebensbedrohlicher Zwischenfälle der Blutzucker bestimmt. Beim Diabetes besteht also durch diesen einfachen Test die Möglichkeit, die Krankheit zu erkennen. Dazu besteht die Möglichkeit, diese Krankheit durch die Einnahme verschiedener blutzuckersenkender Medikamente zu behandeln. Insulin kann allerdings nicht eingenommen wer den, weil es nicht unversehrt vom Magen ins Blut gelangen kann. Es muss deshalb gespritzt werden. Eine Heilung des Diabetes ist weder durch einzunehmende blutzuckersenkende Medikamente noch durch die Injektion von Insulin möglich. Deshalb müssen sich Diabetiker lebenslang behandeln. Verminderte Ausschüttung eines Hormons Nach neuesten Erkenntnissen wird es immer wahrscheinlicher, dass eine dem Diabetes vergleichbare verminderte Ausschüttung eines Hormons wesentlich an der Ausbildung von Suizidalität beteiligt ist. Das dafür verantwortliche Organ liegt nicht – wie beim Diabetes – im Bauch sondern im Gehirn. Diese Tatsache kann natürlich wieder zu Spekulationen oder Diskriminierungen nach dem Muster oder Vorurteil «das Leben nimmt sich nur jemand der spinnt» Anlass geben: Alles was im Kopf passiert wird sofort mit «Geisteskrankheit» gleichgesetzt. Und alle «Geisteskrankheiten» oder «Nervenleiden» sind in unserer Gesellschaft anrüchig. Wenn jemand wegen eines psychischen Leidens einen Psychiater aufsuchte, versucht er das zu verheimlichen, um nicht stigmatisiert zu werden. Es ist deshalb vordringlich, dass wir lernen, solche Problematiken besser zu verstehen und sachlicher und urteilsfreier mit ihnen umzugehen. Mit der Aufklärung muss ein freieres und reiferes Urteilsvermögen einhergehen. Werfen wir in einem kleinen Exkurs noch einmal einen Blick auf die Statistik: In der Schweiz nehmen sich pro Jahr auf 100‘000 Einwohner rund 21 Menschen das Leben. Das heißt mit anderen Worten, dass 99‘979 Menschen sich nicht töten. Es ist sehr wahrscheinlich, dass es unter diesen 99'979 Menschen mindestens noch weitere 21 gibt, die sich in zumindest ebenso scheinbar aussichtslosen Situationen befanden wie die 21, die durch Suizid starben. Warum töteten sie sich nicht? Oder anders gefragt: Was hielt sie davon ab, sich umzubringen?
Ein dumpfes Unbehagen In der Tat konnte in zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen nachgewiesen werden, dass sowohl bei jenen Menschen, die an Suizid verstarben als auch bei jenen. die versucht hatten, sich zu töten, aber gerettet werden konnten, eine bestimmte Substanz stark vermindert war oder sogar ganz fehlte. Diese Tatsache mag wohl auch ein Erklärungsansatz dafür sein, dass viele Menschen spüren, dass mit ihnen «irgend etwas nicht stimmt». Nicht selten versuchen sie dann, dieses dumpfe Unbehagen zu «behandeln». Oft wird diese «Behandlung» zuerst mit Alkohol versucht – allein aus der Erkenntnis heraus, dass sich die Betroffenen nach Alkoholgenuss «besser» fühlen. Alkohol ist eine der ganz wenigen Substanzen, die ohne weiteres die «Blut/Hirn-Schranke» überwindet und ins Gehirn gelangt. Von daher auch das Gefühl, dass der Alkohol «in den Kopf» steigt und von daher auch die alte Bezeichnung «geistige Getränke» oder «Spirituosen» für alkoholhaltige Getränke. Auch verschiedene andere Drogen können vorübergehend die an einem schwer zu definierenden Unbehagen leidenden Menschen zu dem Gefühl verhelfen, jetzt gehe es ihnen besser. Von daher wird deutlich, wie groß die Gefahr ist, dass Menschen, die sich nicht verstanden fühlen und die ihr unbeschreibliches Unbehagen niemandem begreiflich machen können, versucht sein können, durch Einnahme gewisser Substanzen ihrem Leiden wenigstens für einen Moment zu entfliehen. Diese Menschen wollen nicht sterben, sie wollen nur für eine Zeit nicht mehr so leiden Die Flucht in die Drogen ist in diesen Fällen eine verzweifelte Suche nach Wohlergehen
Gefahr zwischen 15 und 25 Jahren In den wissenschaftlichen Untersuchungen wurde die Verminderung bestimmter in Frage kommender Substanzen nicht nur bei Suizidenten festgestellt sondern auch bei gewissen Depressionen. Es konnte dann auch nachgewiesen werden. dass bestimmte Medikamente für eine bessere Verfügbarkeit der in zu geringer Konzentration vorliegenden Substanzen verhelfen können. Bei den in zu geringer Menge vorhandenen Substanzen handelt es sich um sogenannte Botenstoffe im Gehirn oder «Neurotransmitter». Wie beim Diabetes von der Drüse «Pankreas» zu wenig vom Hormon Insulin produziert wird, wird bei suizidgefährdeten Menschen zu wenig Serotonin – auch eine Art Hormon – produziert. Und wie es bei Diabetikern nicht möglich ist, das ihnen fehlende Insulin über die Nahrung ins Blut kommen zu lassen. ist es bei Suizidgefährdeten nicht möglich, das fehlende Serotonin über die Nahrung ins Gehirn kommen zu lassen. Es ist aber möglich. durch andere Medikamente die Verfügbarkeit des wenigen vorhandenen Serotonins zu erhöhen. Wie der Mangel an Serotonin zustande kommt, ist nicht bekannt. Vielleicht ist er erblich bedingt. Es ist aber auch möglich. dass es im Verlaufe des Älterwerdens – und das insbesondere in hormonellen Umbruchphasen, wie der Pubertät und der Menopause oder «midlife-crisis» – zu diesem Mangel kommt oder dass er sich in diesen Lebensphasen besonders negativ auswirkt. Allein das Wissen darum, dass diese Phasen vorübergehen, kann Anlass zu Hoffnung sein. Im Gegensatz zu den Geschlechtshormonen, bei denen der Umbruch in der Pubertät bis zum 20sten Lebensjahr abgeschlossen ist, dauert der danebenhergehende hormonelle Umbruch im Gehirn länger. Deshalb ist die Suizidgefährdung von Jugendlichen im Lebensabschnitt zwischen 15 und 25 Jahren besonders hoch. |
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| Test: "Was weiss ich über Suizid?" | |||||||||
| Da es sich bei der Selbsttötung, ähnlich wie bei der Sexualität, um einen Tabu-Bereich handelt, sind viele falche Vorstellungen im Umlauf. Die nachfolgenden Behauptungen sollen auf ihre "Richtigkeit" (kann in jedem Fall ein eindeutiges "JA" oder "NEIN" gegeben werden?) überprüft werden. Am Schluss dieses Beitrages sind die "richtigen" Antworten aufgeführt. | |||||||||
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| Das Ausmass des Suizids in der Schweiz | |||||||||
| Zahlen, hinter denen sich Tragödien verbergen: 1‘450 Menschen sterben in der Schweiz jedes Jahr durch Suizid. Dazu kommen Jahr für Jahr 15'000 bis 90'000 Menschen, die versuchten, sich das Leben zu nehmen. | |||||||||
Die nachfolgenden Zahlen beruhen auf der offiziellen Todesursachenstatistik des Bundesamtes für Statistik in Bern. Wegen der Schwankung der Einwohnerzahlen ist die Angabe der Suizide pro Jahr nur relativ aussagekräftig. Ein besseres Bild ergibt sich, wenn die Anzahl der Suizide auf 100'000 Einwohner bezogen wird. Die so ermittelte Zahl wird auch als «Sterbeziffer» oder «Suizidrate» bezeichnet. Um sich ein noch genaueres Bild zu machen, ist es sinnvoll. nur die Altersgruppen zu betrachten, in denen Suizide effektiv vorkommen. Bei dieser Standardisierung werden z.B. nur die Einwohner ab einem bestimmten Lebensjahr berücksichtigt. (In der Tat nahmen sich in der Schweiz in den Jahren von 1969 bis und mit 1994 nur zwei Kinder zwischen fünf und neun Jahren das Leben.)
Im Verlaufe des Lebens jedes einzelnen wird er so je länger je mehr von Menschen Kenntnis haben, die sich das Leben nahmen. Daraus kann dann leicht die Meinung resultieren, dass «die Suizidrate in einem erschreckenden Ausmaß zunimmt». Eine gewisse Presse trägt immer wieder nicht unwesentlich zu einer solchen Meinungsbildung bei. Des weiteren muss bedacht werden, dass die Suizidrate in der Schweiz nicht «homogen» sondern von Kanton zu Kanton recht verschieden ist. So ereigneten sich im Zeitraum von 1969 bis 1992 im Tessin (auf rund 270'000 Einwohner) im Mittel rund 64 Suizide pro Jahr und im Kanton Appenzell Innerrhoden (auf rund 14'000 Einwohner) fast dreimal mehr, nämlich im Mittel rund 179. Diese Zahlen geben nichtsdestoweniger zum Nachdenken Anlass. Wenn sich pro Jahr rund 1 450 Menschen in unserem Land das Leben nehmen heißt das mit anderen Worten. dass tagtäglich (Samstag und Sonntag eingerechnet!) vier Familien am Grab eines geliebten Mitmenschen stehen. Neben diesen 1'450 :gelungenen» Suiziden muss mit einer hohen Dunkelziffer von Suizidversuchen (das heißt misslungenen Suiziden) gerechnet werden. Die Meinungen von Fachleuten reichen von 10- bis 60mal so vielen Suizidversuchen. Das wären rund 15'000 bis 90'000 Menschen, die in der Schweiz Jahr für Jahr danach trachten, sich das Leben zu nehmen. Rund ein Fünftel der jährlichen Suizide (18,3%) werden in der
Schweiz von Jugendlichen zwischen 15 und 24 Jahren verübt. Da diese
Altersklasse Hoffnung auf Zukunft für die Familien und die Gesellschaft
auf sich vereint, stürzen solche Todesfälle – neben Verkehrs-
und anderen Unfällen sowie zum Tode führenden Krankheiten oder
Ermordung – die Hinterbliebenen in unsägliches Leid. Es gibt kein Land der Welt, kein Volk, in dem Suizide nicht vorkommen.
Auffallend sind jedoch die sehr starken Unterschiede von Land zu Land.
Forscher haben sich seit langem diesem Phänomen angenommen und bemüht.
Erklärungen dafür zu finden. Keiner der bisher vorgebrachten
Erklärungsversuche hat dabei einer kritischen Hinterfragung standhalten
können. Bevor im nächsten Abschnitt dieser Auffälligkeit
etwas nachgegangen werden soll, zunächst einige Zahlen. Dazu ist
allerdings zu sagen. dass nicht alle Länder die Todesfälle nach
den gleichen Maßstäben beurteilen und klassifizieren wie die
Schweiz. und dass je nach gesellschaftlicher Akzeptanz (zum «Schutze»
der Hinterbliebenen oder aus religiösen Erwägungen) ein Suizid
z.B. als «Tod durch Herzstillstand» deklariert wird.
Europa hat weltweit die höchsten Suizidraten. Japan z. B. weist die gleichen Zahlen auf, wie die Schweiz (20/100'00). 1, Ungarn = 45/100'000 Dabei ist innerhalb Europas auffallend, dass die Suizidraten von Osten nach Westen und von Norden nach Süden abfallen. In Italien. Spanien und in Portugal liegt die Suizidrate bei rund 5/100 000. Für mich ist die Erklärung für diese Auffälligkeit in einer genetischen Prädisposition zu suchen. Wie erwähnt gehören die Suizide zu den am wenigsten variierenden Todesursachen. Das heißt, dass sich z.B. in Ungarn jedes Jahr 45 Menschen auf 100'000 Einwohner das Leben genommen haben oder nehmen – und dies ungeachtet der politischen Situation in der die Ungaren lebten (kaiserlich und königliche Monarchie. Zeit zwischen den Weltkriegen, Kommunismus, Demokratie). Daraus kann gefolgert werden, dass «die Ungaren» häufiger als Menschen anderer Völker einen «Ausweg» im Suizid suchen .
Im Westen grenzt Ungarn an Österreich. Hier ist die Suizidrate am zweithöchsten. Österreicher und Ungaren haben sich schon vor der kaiserlich-königlichen Zeit durchmischt. An Österreich grenzt im Westen die Schweiz. Auch diese beiden Länder teilen ein Stück weit ein gemeinsames Erbe. Innerhalb der Schweiz besteht ein Gefälle der Suizidraten ebenfalls von Osten nach Westen und von Norden nach Süden. Bei unserem westlichen Nachbarn, Frankreich, liegt die Suizidrate noch bei 17 und in Spanien und Portugal schließlich bei 5/100'000. Nicht ganz in dieses Bild scheinen Finnland und Dänemark zu passen. Dabei ist wieder auffällig, dass genetisch eine gewisse Verwandtschaft zwischen Ungaren und Finnen besteht. Was die Dänen betrifft muss beachtet werden, dass Grönland zu Dänemark gehört. Bei den Eskimos ist es seit Urzeiten Brauch. dass nicht mehr leistungsfähige Alte sich – unter dem Vorwand jagen zu gehen – von der Sippe entfernen, in Schnee und Eis erfrieren und auf diese Weise in die «ewigen Jagdgründe» eingehen. Diese auf uraltem sozialem Verhalten begründeten (früher geforderten und heute geduldeten) Suizide tragen zur hohen Suizidrate Dänemarks bei. Diese Ausführungen sollen die Hypothese der «volksabhängigen» Suizidalität etwas deutlicher machen und weisen bereits in Richtung «Prägung» oder erblicher Prädisposition. |
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| Was bedeutet es, sich das Leben zu nehmen? | |||||||||
| Wenn sich jemand das Leben nimmt, löst
er eine Kettenreaktion von Ereignissen aus und stürzt geliebte Menschen,
Freunde, Lehrer, Bekannte in einen Abgrund. Was haben wir falsch gemacht?
Hätten wir es verhüten können? Suizid ist eine endgültige
Lösung für ein vorübergehendes Problem – mit unabsehbaren
Folgen. Bis etwa zum siebten Lebensjahr hat ein Kind unrealistische Vorstellungen vom Tod. Der Tod wird als wieder rückgängig zu machende Verstümmelung, vorübergehende Abwesenheit, langer Schlaf oder ähnliches gedeutet. So kann es dann zu Suiziden kommen, die aber meist als Unfälle betrachtet werden. Nur langsam wird dem heranwachsenden Kind die Unwiderruflichkeit des Todes bewusst. Und um genau diese Unwiderruflichkeit geht es beim Suizid. Die meisten Menschen, die sich das Leben nehmen. wollen eigentlich gar nicht sterben aber so wollen sie nicht weiterleben. Im Moment, wo sie zur Tat schreiten, ist ihre Fähigkeit, die Realität richtig zu werten, so eingeschränkt, dass sie keine andere «Lösung» in ihrer scheinbar «ausweglosen» Situation sehen. Bis sie so weit gekommen sind, haben sie vermeintlich alle Alternativen erwogen, offene oder verschlüsselte Hilfesignale von sich gegeben oder sogar Hilfe bei Ärzten oder anderen «Spezialisten» gesucht. Geliebte Menschen werden in einen Abgrund gestürzt
Nicht selten haben die Suizidenten voller Gewissensbisse auch an die Menschen gedacht, die sie «zurücklassen». Im Verlaufe des zum Entschluss führenden zunehmenden Leidensdruckes sind sie aber nicht mehr in der Lage, die Tiefe des Abgrundes zu er messen, in die sie all jene stürzen, von denen sie geliebt werden. Besonders einfühlsame lebensmüde oder auch sehr gläubige Menschen geben sich oft große Mühe, die Hinterbleibenden in einem mehr oder weniger ausführlichen «Abschiedsbrief» zu «entlasten». Das heißt, sie versuchen, jegliche «Schuld» von Eltern, Geschwistern usw. wegzubinden. Nach diesem vorletzten Akt in der sich anbahnenden Tragödie fühlen sie sich «erleichtert und erlöst». Sie fühlen sich von einer schon lange nicht mehr erlebten Ruhe und Abgeklärtheit getragen. In ihrer Einengung sind sich die Suizidenten oft nicht im klaren darüber, dass ihr Tod eine endgültige Lösung für ein vorübergehendes Problem ist. Die Nächsten sind über die dem Tod unmittelbar vorausgehende scheinbare «Besserung» oder Stimmungsaufhellung sehr glücklich und verstehen dann die Welt nicht mehr, wenn es «gerade dann» zum Suizid kommt. Sie verstehen die Welt nicht nur nicht mehr, sondern sie bricht für sie regelrecht zusammen. Sie sind so tief verletzt, dass sie an Leib und Seele erkranken, regelrecht zugrunde gehen oder auch aktiv aus dem Lehen scheiden. Wirkung auf das Beziehungsnetz Kaum ein Mensch lebt so allein, dass sein Tod nicht mehrere Mitmenschen tief treffen würde. Praktisch jeder Mensch in unserem Kulturbereich ist in ein Beziehungsnetz eingebunden. Allen voran steht die eigene Familie. Wenn wir einen durch grafische Symbole dargestellten Familienstammbaum der lebenden Familienglieder (z.B. Kreise für weibliche und Quadrate für männliche) betrachten ist es unschwer, sich dieses Gebilde als «Mobile» vor zustellen. Wird ein Glied dieses «Mobile» entfernt, kommt es zu einer schwerwiegenden Verschiebung des Gleichgewichtes. Stellen wir uns in einem anderen Bild die Verbindung unter den Familiengliedern als vernetztes Leitungssystem vor, das unter Druck steht, so wird durch das plötzliche Abschlagen eines Rohres oder Hahnens eine katastrophale Situation (quasi ein Super-GAU) heraufbeschwört, die nicht nur schwer zu beherrschen ist, sondern deren Nachwirkungen die Hinterbliebenen ihr Leben lang verfolgt und noch auf nachfolgende Generationen einwirkt. – In einer solchen Situation ist auch das nachträgliche Auffinden einer Notiz wenig hilfreich, in der die oder der Verstorbene um «Entschuldigung» darum bittet, dass sie oder er diese Katastrophe verursachte . Die durch den Suizid verursachte erdbebengleiche Erschütterung innerhalb eines Beziehungsnetzes führt nicht selten zu Folgesuiziden von Hauptbezugspersonen (Elternteil, Geschwister, Partner). So stellen meist die allernächsten Angehörigen die Hauptrisikogruppe dar in der es oft zum «Nachsterben» kommt. Mitunter sind aber auch andere Mitmenschen der Verstorbenen die «Nächstem». Was zählt ist die Tiefe der Beziehung. Zum Schmerz über den Verlust, der wohl nur durch Betroffene in seiner ganzen Tiefe nachempfunden werden kann, kommt die gesellschaftliche Ächtung des Suizids und die Brandmarkung der Hinterbliebenen. Dieses Tabu und diese Stigmatisierung stürzen die Hinterbliebenen in eine zusätzliche. schwer erträgliche Ausgrenzung und Isolation. Darf es mir egal sein? Der «Tod durch eigene Hand» hat aber auch einen schwerwiegenden Einfluss auf das über die Familie hinausgehende Beziehungsnetz. Abgesehen von der «Betroffenheit» von Freunden, Kollegen, Bekannten, Lehrern oder sogar «Fremden» besteht die Gefahr, dass das Beispiel «Schule macht»: «Wenn doch die oder der ‚nicht zu feige‘ war sich das Leben zu nehmen, warum sollte ich noch lange zögern?» Kann, ja darf es mir egal sein, was «nach mir passiert? » Nur wer am eigenen Leib die durch den Suizid eines geliebten Menschen verursachte Katastrophe erlebte, kann deren Ausmaß nachempfinden... Und nur, wer selbst eine Lokomotive führte, vor die sich ein lebensmüder Mensch warf, kann von seinem abgrundtiefen Schock, seiner Hilflosigkeit und seiner oft bleibenden Unfähigkeit berichten, seinen Beruf wieder auszuüben. (Beim sogenannten «Eisenbahnsuizid» spielt mitunter noch die «entschuldigende» Idee mit, dass es nicht ich bin, der mich tötet, sondern die Lokomotive...) In Anbetracht der Gefahr, dass schon die Art der Berichterstattung über
einen Suizid zu weiteren Suiziden führen kann, tragen auch die Medien
eine große Verantwortung. Auf der einen Seite besteht die Notwendigkeit,
«darüber zu reden», um die Tabuisierung zu durchbrechen
und auf der anderen Seite muss sorgsam bedacht werden, ob das erstrebte
Ziel nämlich die Eindämmung von Suiziden, durch die Art der
gewählten Berichterstattung tatsächlich erreicht werden kann,
Jede und jeder trägt dafür persönliche Verantwortung. |
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| Was Abschiedsbriefe sagen wollen | |||||||||
| Abschiedsbriefe enthalten Botschaften an die Überlebenden. Was bezwecken die Schreiber dieser Briefe? (Diese Texte sind dem Buch «Selbstmorde bei Kindern und Jugendlichen» aus dem Verlag Pro Juventute, Zürich, entnommen) Abschiedsbriefe von Mädchen unter 18 Jahren «Meine Lieben! Dies ist das letzte Brieflein, das ich Euch schreibe. Der Herrgott will es so. Meine lieben Eltern, Euch bin ich so viel schuldig. ich will nicht mehr leben. Seit ich bei R. war, bin ich so ein schlechter Mensch geworden, ich weiß!! Habe meine Kleider und alles verbrannt, will nicht, dass noch jemand daran denkt, an ein so schlechter Mensch wie ich bin. Nur noch einen Wunsch habe ich. Auf meinem Grabstein soll stehen «Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht». Ich möchte abends 10 Uhr ohne Pfarrer verlocht werden, ich will nicht beerdigt werden. D., Dir bin ich so viel schuldig, weiß gar nicht, wie gutmachen, lege aber bitte Deiner Schwester alle Sonntage ein Sträusslein auf das Grab. Weißt ich liebe Blumen. Es küsst Euch S» 16 Jahre «Lieber J.! Soeben habe ich erfahren. dass es aus ist zwischen uns, es darf doch nicht wahr sein!!! Aber bitte, wie Du willst, ich habe Dich jedenfalls furchtbar lieb gehabt und es wird auch weiterhin so bleiben, in mir, was jedoch Du machst, soll mir egal sein, das geht mich jetzt nichts mehr an. Einen Rat gebe ich Dir noch: H. ist sehr nett, da will ich nichts sagen, aber wechseln, das tut sie sehr oft, nun das ist ja wohl Deine Sache. Sei herzlich gegrüßt, Deine G.» «Liebe Mami, bitte sei mir nicht böse, wenn ich Dich allein lasse. Verzeih mir alles, was ich Dir angetan habe. Ich werde Euch alles verzeihen, und wenn ich einmal im Himmel bin, werde ich für Euch beten. dass Ihr zu mir kommt. Ich habe einen Wunsch, bitte sage S., dass ich nur ihn geliebt habe. Laß ihn 100mal von mir grüßen. Ich werde auch für ihn beten, dass er glücklich wird. Deine A. Bitte schenkt alle meine Sachen einem armen Mädchen.» Abschiedsbriefe von Burschen unter 18 Jahren «Meine Lieben! Ihr müsst Euch gar nicht wundern, wenn Ihr mich aufgehängt oder mit einem Messer in der Brust findet. Mir ist das Leben vollständig verleidet. Es grüßt Euer Ta» 14 Jahre «An die Polizei! Mit meinem Tod hat niemand etwas zu tun. Die Gründe dafür werden immer geheim bleiben. Meine Eltern können nichts dafür. Sie haben's immer gut gemeint. P.U.» 15 Jahre «Meine Mutter ist schuld. hat mich falsch erzogen, habe keine Freude am Leben. Letzter Gruß H» 17 Jahre «Liebe Leute, was ich jetzt getan habe, war mein eigener Wunsch. Das Leben hat für mich doch keinen Zweck mehr. Um als ungewünschter Homo durch das Leben zu gehen, ist keine Freude. Trauert nicht, denn ich habe es selbst gewollt. H.» «Meine lieben Eltern. Ihr habt mir alle geholfen, ich danke Euch bis in alle Ewigkeit. Euer verzweifelter undankbarer Sohn. Liebe S. Ich liebe Dich, und ich hoffe auf Deine Liebe bis in den Tod. Doch Deine Liebe versiegte zuvor. Heute hast Du mein Leben beendet. Ich kann und will nicht mehr leben. Mein Leben hat mir viel gezeigt und es hat ausgelebt. Dein entsetzter T., der bis in den Tod Dich liebte.» Jeder dieser Abschiedsbriefe ist auf seine Art erschütternd. Allen gemeinsam ist der Ausdruck einer tiefen Hoffnungs- und Ausweglosigkeit: «Ich kann und mag nicht mehr...» In jeder Hinsicht bezeichnend ist der Abschiedsbrief, den die Wiener Psychologin und Lyrikerin Herta Kräfthner, die sich am 13.11.1953 mit Schafmitteln das Leben nahm, 1951 schrieb: Wenn ich mich getötet haben werde
Wenn ich mich getötet haben werde, können die anderen voraussichtlich
eine Menge Mutmaßungen, Verdachte, Motive und Interpretationen angeben.
Am häufigsten wird man wohl davon sprechen, dass die unangenehmen
Situationen, in die die meisten Menschen geraten, nur neurotischen oder
gar psychopathischen Persönlichkeiten unverträglich werden.
Ferner wird die Annahme berechtigt sein. dass ein hysterischer Selbstmordversuch
unabsichtlich ein unglückliches Ende nahm. Noch weiter werden jene
gehen, die – da sie sowohl meine Lebenshaltung als auch meine Schreibweise
als traurige erkennen – meine Tat als Konsequenz einer Psychose
werten werden: die Melancholie endet sehr oft mit Selbstmord; das ist
vielen bekannt. Die dritte Kategorie der Beurteilenden aber wird meinen Tod als völlig ursachlos empfinden, denn ihre Argumente heißen: Dieses Mädchen stand am Anfang ihres Lebens, sie war weder gefährlich noch krank, noch hässlich noch verunstaltet; sie war gescheit und gebildet, ihr Professor nannte sie fähig, und namhafte Literaten fanden sie begabt. Sie hatte bereits schriftstellerische Erfolge. Wo immer sie hinkam, war sie den Leuten sympathisch, sie konnte sich ihren Mitmenschen anpassen. Sie hatte einen Freund, der sie liebte, wenn sie aber neben ihm nicht glücklich war, so hatte sie Gelegenheit genug, einen anderen zu wählen. Sie hatte eine sorgende Familie und bekam nicht nur, was sie brauchte, sondern auch, was sie sich wünschte. Hatte dieses Mädchen also Grund, sich zu töten? Nein, antworten die Philister. Das dürften im großen und ganzen die Linien sein, innerhalb derer – natürlich mit einigen Abweichungen die Interpretationen sich bewegen werden. Aber ich bin überzeugt, dass es keinen geben wird, dessen Trauer um mich so Gros ist, dass die Frage nach dem Motiv in seinem Herzen keinen Platz findet. Was die Auswirkung eines Selbstmordes auf fremde Gemüter betrifft, so werden es die meisten bedauern und einige darüber trauern. Sollte jemand in Verzweiflung geraten, so ist der sichere Trost gegeben, dass er früher oder später – eher früher – darüber hinwegkommt. Ich bin sicher, dass man oft – vor allem unter den Kommentatoren erster Kategorie – den Satz hören wird: Das Kranke muss absterben, das ist ein biologisches Gesetz. Ob wohl unter den vielen Leuten, die mich kennen, sich einer den stillen Vorwurf machen wird, dass man mir hätte helfen können? Er wird bald einsehen, dass er sich den Vorwurf ersparen kann, denn es war schließlich nicht seine Schuld, dass ich meine gefährdete Situation nicht deutlich genug zeigte. Wenn es möglich wäre, mich nach meinem Tod um die Ursache zu fragen, so müsste ich antworten, dass ich durchaus geneigt sei, mich einer der oben dargestellten Theorien anzuschließen, sofern sie nur überzeugend genug vorgebracht wird. Die wirkliche Ursache, warum der Tod einen trifft, zu wissen, ist niemals möglich, wirklich und ausschlaggebend ist nur, dass der Tod auch nach Teheran kommt. Aus: Selbstmord: Verzweifelt am Leben? |
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| Kämpfen statt «Hängen» – es gibt immer einen Ausweg | |||||||||
| Wie kann man einem Menschen helfen, der seinem Leben ein Ende setzen will? Wie kann sich dieser selber helfen? Wo kann er Hilfe finden? Fragen, die über Leben oder Tod entscheiden können. Wenn ein Mensch nur noch grau in grau sieht, wenn er wirklich «nicht mehr kann», «am Anschlag» ist, .ihm «alles egal. ist, dann hilft kein noch so gutes Zureden Und barsches Anfahren im Sinne von : «Jetzt reiß dich doch endlich zusammen» oder ähnlichem ist eher kontraprodukiv – wenn es überhaupt noch wahrgenommen wird Niemand weiß besser, wie ihm zumute ist, als sie oder er selber. Aus diesem Grunde darf sich auch niemand an massen zu sagen: «Ich weiß, wie es dir geht – du musst nur...» oder ähnliches. Begleitung in der Lebenskrise Kommen wir wieder zum Beispiel Diabetes: Es käme niemandem in den Sinn, einem Zuckerkranken zu sagen: «Das ist doch gar nicht so schlimm, du brauchst nur...» So wenig, wie die Zuckerkrankheit durch eine Gesprächstherapie «geheilt» oder «behandelt werden kann, so wenig ist es wahrscheinlich möglich, durch Gesprächstherapien den eventuellen Mangel eines Botenstoffs im Gehirn wettzumachen. Aber so wie es beim Diabetes durchaus angezeigt sein kann, die Betroffenen zu begleiten, damit sie annehmen können, ein Leben lang Medikamente zu sich nehmen zu müssen oder sich Insulin zu spritzen, ist es in vielen Fällen wichtig, von einer Fachperson begleitet zu werden, die in der schwer auszuhaltenden Lebenskrise Hilfe leistet. Es ist möglich, dass das hormonelle Ungleichgewicht nur vorübergehend auftritt. Steht in dieser Zeit ein Mensch dem leiden den Mitmenschen zur Seite, kann es sein, dass diese Stütze genügt, um das Wellental des Hormonmangels zu überbrücken. An diesem Beispiel wird deutlich, wie labil das seelische Gleichgewicht sein kann 1st die Vertrauensperson eine Geliebte oder ein Geliebter und verlässt sie den Partner oder die Partnerin im Moment, wo er oder sie in einem Tief ist, kann es zur Verzweiflungstat kommen. Steht jedoch eine helfende Drittperson zur Verfügung, kann vielleicht sogar der – in jedem Falle schmerzliche Verlust der geliebten Person – verkraftet werden. Eine medikamentöse Stütze ist jedenfalls zu erwägen Vor einer «Selbstmedikation» ist hingegen immer dringend abzuraten. So wird das Drama nicht zur Tragödie Es ist wichtig zu wissen, dass jemand, der wegen Suizidgedanken einen Arzt oder sogar eine Klinik aufsucht, noch lange nicht «spinnt». Im Gegenteil ist das ein Zeichen dafür, dass sie oder er leben will – aber dass der Leidensdruck so groß ist, dass es zum Suizid kommen kann, wenn niemand hilft . Ein Suizid ist der letzte Akt einer Tragödie. Die Möglichkeit, dass ein Schicksal sich zu einem Drama entwickeln kann, ist immer wieder gegeben. In dieser Phase der Entwicklung muss Hilfe gesucht werden. Sonst kann das sich anbahnende Drama zur Tragödie werden, deren letzter verzweifelte Akt eben der Suizid ist. Aber wohin kann ich mich wenden? Wer ist fähig, mich zu verstehen, mir zuzuhören? Wer bietet mehr als nur besänftigendes Schulterklopfen oder schöne Worte? Hier herrscht tatsächlich große Ratlosigkeit. Diese Ratlosigkeit rührt nicht zuletzt daher. weil für Suizide alle möglichen und unmöglichen «Gründe» verantwortlich gemacht wurden. Die Erziehung, die Gesellschaft, das Schulsystem, die Wirtschaft, die Religion, der Charakter, der Zeitgeist usw. Und da man weder die Gesellschaft, noch sonst irgend ein «System» einfach so ändern kann, wurden die sonderbarsten Hilfeversuche unternommen – mit entsprechendem Misserfolg. Wenn es zum Suizid kommt, gingen meist lange innere Kämpfe voraus. Die meisten zum Suizid Entschlossenen haben lange alles mögliche versucht, diesen endgültigen Schritt zu vermeiden. Sie sind oft besonders sensibel zur Wahrnehmung ihrer Umwelt. Sie beobachteten z.B. sorgfältig, wie wem zu helfen versucht wurde, oder ob überhaupt Chancen zur Hilfe bestanden. Dabei mussten sie des öfteren feststellen, dass die scheinbar zur Verfügung stehenden Hilfsmöglichkeiten entweder fragwürdig. beschränkt oder für sie unannehmbar waren. Sie kommen dann in der charakteristischen Phase der Einengung ihrer Wahrnehmung nach und nach zur Überzeugung, dass ihnen niemand helfen kann und fassen den tödlichen Entschluss.
Nachdem dieser Entschluss gefasst wurde, sind sie schon wie in einer anderen Welt. Sie fühlen sich bereits erlöst von den ansonsten scheinbar unlösbaren Problemen. Das heißt aber ein Zweifaches: Zum einen ist im Moment, wo ein Ausweg gesehen wird, das Leiden vorbei, und zum andern heißt das. dass ein prägendes Ereignis (hier der Entschluss. sich zu töten) den Hirnstoffwechsel beeinflussen kann. Diese Beobachtungen konnten experimentell erhärtet werden. Tatsächlich sind schwere, traumatische Ereignisse geeignet, neue, andere und mitunter dauerhafte Vernetzungen im Gehirn zu erwirken. Das ist auch ohne weiteres einleuchtend, wenn man bedenkt. wieviel tausend Eindrücke laufend gemacht werden und wie wenige einen «bleiben den Eindruck» – eine «Prägung» hinterlassen. Hingegen wird kaum jemand den Schock vergessen, den ein Unglücksfall oder «das große Los» hinterließen.
Menschen, die wissen wie einem zumute ist Diese Erkenntnisse sind von größtem Wert für die Behandlung von suizidgefährdeten Menschen. Aber sie sind neu und damit noch sehr wenig bekannt. Noch immer geistern die alten Ansätze in den Köpfen herum, noch immer sind viele Helfer rat los im Umgang mit Suizidgefährdeten. Damit bleibt die dringende Frage, wohin man sich wenden kann, wenn es einem «todmies» geht, immer noch unbeantwortet. Aber wenn die Erkenntnisse auch neu sind, heißt dies nicht, dass noch kein Arzt davon weis. Die Verbindung der Schweizer Ärzte (FMH) und das Bundesamt für Gesundheitswesen (BAG) bieten seit 1992 Seminare für Ärzte an und halten für alle Ärzte eine Basisdokumentation zur Verfügung. Die Schweizerische Gesellschaft für Krisenintervention und Suizidprophylaxe (SGKS) trug wesentlich zum Zustandekommen dieser Bemühungen bei. Die Aussprache mit einem Arzt wird schnell zeigen, ob von ihm die gesuchte Hilfe geleistet werden kann. Neben diesen Fachpersonen gibt es aber viele Mitmenschen, die durch den Tunnel der tödlichen Einengung hindurchgegangen sind, die den Schritt zur Selbsttötung gegangen und die dabei «gestolpert» sind. Sie wissen, wie es einem Menschen zumute ist, der meint, nicht mehr weiterleben zu können. Sie verstehen den anderen lebensunwilligen Mitmenschen wirklich. Sie können ihm eine Stütze sein, wie sonst niemand. Sie sind zahlreich. Sie schämen sich. Aber ihr «coming out» ist gefragt, sie sind die Experten. Auch sie haben es nötig, über ihre Befindlichkeit zu reden. denn sie sind auch nicht sicher, ob sie «es» nicht doch noch einmal probieren... Die Vereinigung der anonymen Alkoholiker («AA») war wohl eine der ersten Selbsthilfebewegungen überhaupt. Nach diesem Vorbild könnten sich auch Menschen die Suizidversuche gemacht haben zusammenschließen. Aber nicht nur das «coming out» der «anderen» ist gefragt, sondern auch mein persönliches Wie kann mir geholfen werden, wenn ich meine ganze Energie darauf verwende, zu verstecken, wie «mies» es mir geht? Ich weiß, es ist unendlich schwer, den Eltern – oder auch nur einem Elternteil – einem Geschwister, einem Freund oder einer Freundin, einem Lehrer, einem Pfarrer, einem Arzt oder irgend einer anderen Person anzuvertrauen, was in mir nagt. Aber dieses «Sich-Anvertrauen» kann der erste Schritt zurück ins Leben sein Anlaufstellen für Jugendliche in seelischer Not, wie sie im Ausland seit mehreren Jahren bestehen, werden gegenwärtig in der Schweiz (Genf und Zürich) entsprechende Zentren aufgebaut. Dabei wird vermehrt darauf geachtet, dass der als diskriminierend empfundene Anstrich von «Psychiatrie» vermieden wird. Bis zur Realisation dieser neuen Anlaufstellen – und auch weiterhin – stehen aber einfühlsame Fachpersonen in allen psychiatrischen Polikliniken unseres Landes zur Verfügung. Eine weitere ausgezeichnete Möglichkeit auf wirklich offene Ohren und helfende Hände zu stoßen, scheinen mir die über 20 Selbsthilfegruppen unseres Landes zu sein, in denen sich regelmäßig Eltern und Geschwister treffen, die eine Tochter oder einen Sohn, einen Bruder oder eine Schwester durch Suizid oder eine andere Todesursache verloren haben. Aus eigener persönlicher Erfahrung kann ich mir im Moment kaum vorstellen, wo anders die Befindlichkeit eines lebensüberdrüssigen Jugendlichen besser wahrgenommen und verstanden werden könnte als hier. Und hier könnten gemeinsam Lösungen gefunden werden, die lebenswert sind. Nicht zuletzt möchte ich aber auch auf die wertvolle Hilfe der Dargebotenen Hand hinweisen. Wenn ich mich eben nicht getraue, jemandem von Angesicht zu Angesicht von meinem Elend zu erzählen, dann kann ich sicher sein, immer – rund um die Uhr – ein offenes Ohr eines einfühlsamen Mitmenschen zu finden. Dabei spielt es keine Rolle, wie ich aussehe, wer ich bin, wie ich heiße, wo ich wohne, ob ich kaum ein Wort über die Lippen bringe oder nur unter Tränen etwas sagen kann. Diese hingebungsvoll zuhörenden Mitmenschen wurden besonders geschult. Es sind Menschen, die aus verschiedensten Berufen und sozialen Schichten kommen. Angehörige sogenannter «Psy-Berufe» sind kaum vertreten. Aber auf Anfrage kann eine für den betreffenden Fall als geeignet beurteilte Anlaufstelle vermittelt werden. Es lohnt sich, zu kämpfen, es lohnt sich, sich für das Leben – das eigene und das von anderen Mitmenschen - einzusetzen. Es gibt einen Ausweg. Aber er ist nicht immer offensichtlich. Er muss erkämpft werden. |
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| Suizidgefahr: Was man unbedingt wissen muss... |
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| Es gibt Situationen im Leben eines Menschen, die signalisieren: Achtung Suizidgefahr! Gewisse Ereignisse deuten darauf hin, dass sich jemand in einer Krise befindet. Sie sind die Vorboten einer möglichen Katastrophe. Und dann gibt es die Zeichen, die bei Freunden, Partnern, Eltern, Mitschülern und Lehrern alle Alarmglocken auslasen sollten... Gefährliche Krisensituationen Ereignisse. die Menschen aus der Bahn werfen können: Großes Leid:
Aber auch gewisse Lebensabschnitte tragen Gefahren in sich:
Alarmzeichen bei Jugendlichen • Unerwartete Leistungsveränderungen, im speziellen in der Schule, Konzentrations- und Einprägungsschwierigkeiten, Zerstreutheit, Selbstaufgabe • Eine Folge von Misserfolgen • Häufiges Fernbleiben in der Schule • Davonlaufen • Häufige Unfälle: eingehen von überhöhtem Risiko • Änderung der Gewohnheiten bezüglich Ernährung und Schlaf • Nachlassen der Lebenskraft und -freude, keine Zukunftspläne • Vernachlässigung des Äußeren Erscheinungsbildes • Abrupte Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, Bemühungen die Aggressionen zu unter drücken, Aufregung wechselt sich ab mit Phasen der Teilnahmslosigkeit, momentane Verwirrungen • Verweigerung von Engagement, Angst vor Verantwortungen, Nachlassen des Selbstwertgefühls, Selbstanklage • Flucht in Alkohol, Drogen, Beruhigungs- und Schlafmittel. Wenn einige dieser Zeichen gleichzeitig auftreten, ist Gefahr in Verzug. Man muss mit diesem Menschen reden, herausfinden, was ihn plagt und wie man ihm helfen kann. Höchste Alarmstufe! • Tendenz zur Isolation. Abnahme der Kommunikationsfähigkeit, Rückzug gegenüber Nächsten/Verwandten • Selbstzerstörerisches Verhalten • Geschenke, Abschiedsbriefe, Verschenken von Gegenständen, die einem etwas bedeuteten • Deutliche Hinweise, die direkt auf das Ende einer Sache hinführen die baldige Abwesenheit, die Verneinung der Zukunft, versteckte oder klare Botschaften, welche Suizidabsichten andeuten • Deutliche Suizidabsichten oftmals in einer lustigen oder witzigen Art vorgebracht, manchmal als Brief, der eventuell rechtzeitig entdeckt werden kann. Diese Notrufe müssen unbedingt ernst genommen werden. Die Katastrophe kann hier jederzeit eintreffen. Es muss gehandelt werden.
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| Hier gibt's Rat und Hilfe | |||||||||
| Regenbogen Schweiz (Selbsthilfevereinigung
von Eltern, die um Spezialgruppen Suizid Bern: Suizid Zürich: Oberaargau: Seeland: Dargebotene Hand, Ärztenotruf Basel: Ärztlicher Notfalldienst Bern: Ärztezentrale Zürich: Notfallpsychiater (ganze Pfarrämter der Wohngemeinden Service Medico-Pedagogique Geneve Schweizerische Gesellschaft für Krisenintervention und Suizidprophylaxe
c/o Psychiatrische Universitätspoliklinik Stiftung Begleitung in Leid und Trauer Regionale Kontaktstellen zur Vermittlung von |
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